Gemeinde im Krisengebiet
Im Frühjahr 2002 unternahm die ugandische Armee einen militärischen Vorstoß in den südlichen Sudan. Ziel dieser „Operation Iron Fist“ war, Rebellennester der „Lord’s Resistance Army“ auszuheben. Seitdem wüten die Aufständischen wieder wie wild gewordene Hornissenschwärme in Norduganda. Der Erfinderreichtum des Terrors schwingt sich zu einem für lange Zeit nicht gekannten Höhepunkt der Grausamkeit empor.
Die klassischen Konfliktgebiete von Gulu und Kitgum (Acholi-Stamm) sind allen Reisenden wieder völlig tabu. Überfälle auf Fahrzeuge und Dörfer, Mord, Zerstörung, Vergewaltigung, Entführung und Zwangsrekrutierung von Minderjährigen und Kindern stehen auf der Tagesordnung.
Eine verlorene Generation
Die Dörfer sind menschenleer. Die Felder liegen brach. Tausende von Hütten sind dem Erdboden gleich gemacht.
Eine ganze Anzahl unserer Kapellen wurden ebenfalls Opfer der Auseinandersetzung. Die zwar noch kleine, aber sich verheißungsvoll entwickelnde, Gemeindearbeit im Acholi-Stamm ist durch den neu aufflammenden Bürgerkrieg wieder völlig destabilisiert.
Vom eigenen Land vertrieben, vegetieren Dreiviertel aller Acholi, auf engem Raum zusammengepfercht, unter menschenunwürdigen Umständen in „Beschützten Siedlungen“ vor sich hin.
Der Zusammenbruch normaler Sozialstrukturen, Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit und Langeweile fördern Prostitution und Trunkenheit. Mangelernährung und mangelnde Hygiene schaffen ideale Brutstätten für Krankheiten und Seuchen. Die seelische Abgestumpftheit nimmt überhand. Eine verlorene Generation wächst heran.
Mehrzweckhalle für Gulu
Unsere Pastoren versuchen, auch in dieser Situation ihre Gemeindeglieder zu sammeln und zu betreuen. Gemeinsam wird intensiv für den Frieden gebetet. Tritt der Friede dann je ein, wird der Wiederaufbau der Gemeindearbeit enorme Anstrengungen fordern. Bis dieses Gebet jedoch erhört wird, gönnt uns die Umstrukturierung und Anpassung an die Kriegssituation keine Ruhe. Das größte Anliegen ist eine Gemeindehalle in Gulu, die sowohl als Schutzraum für Flüchtlinge als auch für Gottesdienste und zur Verteilung humanitärer Hilfe dient.
Sümpfe: Orte der Zuflucht
Im September 2002 gab es einen Angriff auf unsere Heimatstadt Lira. Über 80 Hütten wurden niedergebrannt und ca. 30 Zivilisten entführt. Einer 65 Jahre alten Frau wurden die Hände abgehackt, ein Strick um den Hals gelegt und sie dann in ihre Hütte zurückgestoßen, wo sie bei lebendigem Leibe verbrannte. Tausende von Menschen rannten in die gegenüberliegenden Stadtteile oder in die umliegenden Sümpfe. Die Panik und Angst der Menschen war unbeschreiblich.
Nebst den Acholi leben seitdem auch viele Langi wieder in unvorstellbarem Elend. Die meisten Schulen im nördlichen Teil von Apac und Lira mussten schließen. Über 30% unserer Gemeinden können ihre Arbeit nicht mehr aufrechterhalten. Gemeindeglieder und Pastoren suchen, wie der Rest der Bevölkerung, Schutz in der Stadt. Einer alten Frau im Rollstuhl gelang die Flucht aus ihrem Dorf in Aromo. Auf die Frage, wie es denn in ihrem Heimatdorf sei, antwortet sie: „Tod, überall nur Tod!“ Die Gemeinde Jesu und unsere missionarischen Bemühungen stehen vor einer großen neuen Herausforderung.
Flüchtlinge
Flüchtlinge belagern nicht nur die Geschäftseingänge und Straßenränder der Innenstadt, sie suchen auch Zuflucht und Hilfe in unseren Gemeinden und in unserer Missionsklinik.
Inzwischen hat sich das Gemeindegrundstück in ein Flüchtlingslager verwandelt. Da eine kurzfristige Lösung des Konflikts nicht zu erwarten ist, bauen sich immer mehr Familien eine kleine Hütte, um dem Massenlager in der Kapelle zu entfliehen.
In Eigeninitiative haben die Flüchtlinge auch eine provisorische Schule gegründet. Die 138 Schüler werden in verschiedenen Ecken unserer Kapelle unterrichtet oder unter umstehenden Bäumen. Die Kinder, wie auch der größte Teil der Lehrer, wurden von ihren Dörfern vertrieben, ohne zu wissen, wann sie wieder zurückkehren können.
Nichts als die nackte Haut gerettet
Dank der Unterstützung unserer Freunde in Deutschland ist es uns möglich, Hilfe zu leisten. Gemeindezentren in Lira, Gulu, Apac und Kitgum bekommen Nahrungsmittel zur Verfügung gestellt, die sie an Betroffene verteilen. Anderen, deren Haus und Besitz zerstört wurden und die nichts als die nackte Haut retten konnten, wurden die allernotwendigsten Gebrauchsgegenstände wie Kochtopf, Teller und ein Betttuch erstattet. Die Leitung der einheimischen Gemeinde ist unermüdlich an der Arbeit, alles fair zu verteilen. Außerdem wird zur Rechenschaftslegung genau über die Aktion Buch geführt.
In unserem Gesundheitszentrum in Lira leisten wir für die Vertriebenen kostenlose medizinische Hilfe. Am ersten Tag hatten wir bereits über 50 zusätzliche Patienten zu versorgen.
Nachtrag, Ende Juni 2003:
Die Situation im Norden und Nord-Osten hat sich gravierend verschlechtert. Tausende sind auf der Flucht in die größeren Städte. Selbst das Gebiet in Nord-Teso ist menschenleer. Eltern bringen ihre Kinder nach Mbale in Sicherheit, um sie vor Entführung zu schützen. Keiner ist sich seines Lebens mehr sicher. Die Straße zwischen Lira und Soroti ist gesperrt. In Lwala wurden 100 Mädchen der Oberschule entführt. Fahrzeuge werden in Brand gesteckt, Busse beschossen. Die Toten nehmen zu. Die Vertriebenen sind mittellos. Hilfe ist dringend.







